"Warum traf es mich? Warum gerade ich?

Angst, Wut, Verzweiflung, den Glauben verloren. Aus tiefsten Tiefen die Hoffnung geboren. Hinnehmen! Kämpfen! Doch nur Kämpfe, die lohnen. Kräfte entdecken, die tief in mir wohnen. Das Leben geht weiter, alles hat einen Sinn. Und am Ende, da ist selbst die Krankheit Gewinn.

Doch ein langer und schmerzhafter Weg führt dorthin!"

SCHLAGANFALL MIT 45

DER EINSCHLAG MITTEN INS LEBEN

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Mit diesen Worten beschreibt Ulrike Menke ihre widerstreitenden Gefühle, ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnung, nachdem sie mit 45 Jahren als junge und gesunde Frau aus heiterem Himmel einen Schlaganfall erlitten hat. Um ihre Erfahrungen mit anderen Menschen (Betroffene und Nicht-Betroffene) zu teilen, hat sie 2004 ein Buch veröffentlicht. Heute ist sie 65 Jahre alt und wir haben sie gefragt, wie ihr Leben seitdem verlaufen ist und was sie anderen Menschen mit oder ohne Schlaganfall-Erfahrungen auf den Weg mitgeben möchte.

Ulrike Menke, geb. 1957, wohnt in Rheine (Westfalen). Sie ist seit 1979 verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. Zehn Jahre arbeitete sie als Erzieherin in einem Kindergarten. Nach der Familienphase erfolgte 1992 mit der Gründung eines Immobilienbüros der Schritt in die Selbständigkeit. Durch den Schlaganfall im Jahr 2003 stand ihr Leben plötzlich an einem Wendepunkt.

Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir den Umständen entsprechend gut. Ein Schlaganfall hinterlässt in der Regel Spuren und so ist es auch bei mir. In meinem Fall waren es drei kleine Schlaganfälle und die haben verschiedene Bereiche des Gehirns nachhaltig geschädigt. Mit diesen Beeinträchtigungen habe ich leben gelernt, nachdem ich lange gekämpft und trainiert habe, um dahin zu kommen, wo ich heute stehe. 

(Wie) hat sich Ihr Leben
durch den Schlaganfall verändert?

In erster Linie hat sich meine (unsere) Lebenseinstellung verändert. Ich lebe nicht mehr, um zu arbeiten, sondern ich arbeite, um zu leben. Wir haben unsere große arbeitsintensive Immobilie gegen eine kleine pflegeleichte eingetauscht. Wir haben uns einen Camper angeschafft und haben in den letzten Jahren mehr Urlaub gemacht als in unserem ganzen Leben vorher. Wir genießen kleine und große schöne Momente viel intensiver  als vormals. Ich höre bewusst auf die Botschaften meines Körpers und reagiere konsequent darauf. Meine Freizeit verbringe ich kompromisslos mit Menschen und Aktivitäten, die mir guttun. Meine Arbeit, die gleichzeitig auch mein Hobby ist, teile ich mir so ein, dass sie nicht zur Belastung wird.

Hatten Sie sich zuvor damit beschäftigt
und wie reagierte Ihr Umfeld?

Niemals, ich war ja erst 45 Jahre alt und dachte, ein Schlaganfall ist etwas für alte Menschen. Außerdem gab es in meiner Familie zuvor keine  Schlaganfälle und ich gehörte auch nicht zu der Personengruppe mit den "klassischen" Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck etc. Es gab keine Anzeichen für einen bevorstehenden Schlaganfall - es war bei mir ein Riss der Aorta und der kündigt sich leider nicht an. 

Mein Umfeld war ebenso schockiert wie ich. Wir waren hilflos, erschrocken und voller schrecklicher Angst, denn man prognostizierte mir und  meiner Familie, dass ich entweder schwerstbehindert sein oder sterben würde.

Was raten Sie Menschen generell
zum Thema "Schlaganfall"?

Auf die typischen Zeichen achten und beim kleinsten Verdacht den Notruf wählen und mit dem RTW so schnell als möglich in eine Schlaganfall Spezialklinik gebracht werden. Jede Minute zählt und je eher die Behandlung beginnt, umso geringer sind die Behinderungen und Einschränkungen später.

Rückblick:
Würden Sie heute etwas anders machen?

Heute habe ich anderes Hintergrundwissen und ich würde nicht wie damals 6 Tage von Arzt zu Arzt laufen, um viel zu spät die Diagnose zu erhalten, sondern wie bereits erwähnt den Notruf wählen und mich in die Stroke (Stroke Units =Spezialeinheiten für Schlaganfall-Patienten; Anmerkung der Redaktion) einweisen lassen. Leider ist es aber in der Regel so, dass der Betroffene selbst gar nicht mehr handeln und entscheiden kann und auf die Reaktion seiner Angehörigen oder Arbeitskollegen angewiesen ist. Von daher ist Aufklärung für alle das A und O. Deshalb wünsche ich mir auch, dass mein Buch von möglichst vielen Gesunden gelesen wird. Einfach um Achtsamkeit einzufordern.

Ausblick:
Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Niemals wieder möchte ich einen Schlaganfall erleiden. Und nie wieder möchte ich in die alten Verhaltensmuster bzw. den alten Trott der Selbstverständlichkeit verfallen, sondern das Leben in den vielen täglichen kleinen Dingen des Alltags genießen und bewusst und dankbar erleben.


Was hat Sie dazu veranlasst
ein Buch zu schreiben?

Ich selbst habe Literatur gesucht, die mir bei meinen Fragen und Ängsten helfen sollte, ob all das, was ich erlebte, normal war und sich möglicherweise bessern würde. Ich suchte Hilfe und Wege zur Selbsthilfe. Leider fand ich nicht ein einziges Buch, das von einem ganz normalen Menschen handelte, der wie ich mitten im Leben stand und dort auch wieder hinwollte. Es gab nur Bücher von Prominenten mit entsprechenden "Schauergeschichten" sowie völlig anderen Hintergründen und Extremfälle, die auf mich überhaupt nicht zutrafen.

Als ich einen Arzt nach möglicher Literatur fragte, sagte er im Scherz zu mir, dass er keine solche kenne, aber ich doch ein solches Buch schreiben könne, insbesondere weil das doch eine Tätigkeit sein, die ich eigentlich nicht mehr können könnte laut Prognose. Dieser scherzhaft ausgesprochene Gedanke infizierte mich dermaßen, dass ich noch am selben Abend mit Schreiben anfing. Am Ende hat das Schreiben mir selbst sehr bei der Verarbeitung und Bewältigung des Erlebten geholfen und im Nachgang vielen weiteren Betroffenen.

Ich erhielt sehr viele dankbare Rückmeldungen von Lesern, sowohl von selbst Betroffenen, als auch von deren Verwandten, nach nunmehr knapp 10.000 verkauften Büchern. Angesichts dieser Zahl finde ich es schade, dass ich damals keinen Verlag fand, der mein Buch veröffentlichen wollte und ich das selbst machen musste. Weil ich weder prominent noch ein besonders "aufsehenerregender" Fall war, lehnten alle Verlage die Veröffentlichung ab.

"Jung und gesund" fiel ich nicht in das typische Raster eines Schlaganfallpatienten, so dass es 6 Tage und 3 Schlaganfälle bis zur richtigen Diagnose und dem Behandlungsbeginn dauerte. Ich machte die Erfahrung, dass der Schlaganfall offensichtlich das "Stiefkind der Medizin" zu sein scheint und hätte diese Tatsache beinahe mit meinem Leben oder einer schweren Behinderung bezahlt. Im Krankheitsverlauf fühlte ich mich unendlich hilflos und unverstanden. Ich suchte vergeblich Literatur von betroffenen "jungen, nicht prominenten Patienten", um Vergleiche ziehen zu können.

Schließlich schrieb ich selbst meine Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen schonungslos ehrlich nieder. Jedoch möchte ich mit meinem Buch insbesondere auch "Gesunde" ansprechen, um Warnsignale zu verdeutlichen, denn 100.000 Schlaganfälle könnten jährlich in Deutschland verhindert werden. Auch möchte ich das Krankheitsbild "Schlaganfall" in seinen Lebensverändernden Auswirkungen dem gesunden und unerfahrenen Leser näher bringen, um Verständnis für den Patienten zu erwecken, der dieses zwingend aus seinem nahen und fernen Umfeld benötigt.


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