"FREIHEIT KENNT KEIN ALTER!"

MARGOT FLÜGEL-ANHALT

Lesedauer: ca. 4 Minuten

"Zweifel nagen an mir. Warum tue ich mir das an? Hätte ich wie andere Seniorinnen meinen Ruhestand nicht schön gemütlich mit Stricken, Nordic Walking und Kaffeekränzchen verbringen können? Aber nein, ich wollte ja unbedingt auf diesem Motorrad von Hessen an den Hindukusch tuckern. Auf einem Motorrad, über das andere Motorradfahrer nur Witze machen. Und das, obwohl ich praktisch keine Erfahrung habe mit Motorrädern. Ich habe nicht mal einen Motorradführerschein.“

(aus: "Über Grenzen" von Margot Flügel-Anhalt, DuMont Reiseverlag, 2020)

Auf mehr als 18.000 Kilometern durch 18 Länder - ihre beeindruckenden Reiseerlebnisse hat sie in Dokumentarfilmen und in ihren Büchern "Über Grenzen" und "Einfach abgefahren" festgehalten.

Margot Flügel-Anhalt, 1953 geboren, hat sich im Ruhestand einen Herzenswunsch erfüllt: Auf dem Motorrad bricht sie von ihrem Heimatdorf in Nordhessen mit 64 Jahren auf zum Ziel ihrer Träume – dem Pamir Highway in Zentralasien.

Neben wunderbaren Begegnungen und unvergesslichen Momenten begegnen ihr auch große Herausforderungen und totale Erschöpfung. Nach ihrer Rückkehr hält es sie aber trotzdem nicht lange in Deutschland: Mit 65 Jahren macht sie sich in einem alten Mercedes Benz erneut auf die Reise nach Südostasien.

Bitte beschreiben Sie sich in wenigen Worten

Gefühlt jung. Beweglich in körperlicher und geistiger Hinsicht. Neugierig.

Eine Reise auf dem Motorrad nach Zentralasien: Spontan oder gut durchdacht? WARUM DIREKT ZENTRALASIEN?

Lange geplant. Zuerst als Wanderung mit einem Muli durch Russland. Dann die 125er Honda Enduro als Alternative und der Pamir Highway als Ziel.

Ich bin von 2008 bis 2015 über 5.000 km Richtung Westen, über die Alpen und auf dem Europäischen Fernwanderweg Richtung Istanbul zu Fuß unterwegs gewesen, habe Europa bereist und ein Jahr in Marokko gelebt. Jetzt richtet sich mein Weg gen Osten.

 

Was ist Ihr nächstes Reiseziel?

Ich plane mit einem Lada den Karakorum Highway zu bereisen.

 

Denken Sie, dass allein reisende Frauen
größere Herausforderungen meistern müssen
als Männer?

Vielleicht in den Ländern, in denen Frauen weniger Freiheitsrechte zugestanden werden. Aber im Allgemeinen sind die Herausforderungen, denen Reisende gegenüber stehen, seit eh und je dieselben. Und die Menschen sind hilfsbereit.

Was verbinden Sie mit dem Wort „Heimat“?

Heimat ist der Ort, an dem ich beruhigt schlafen kann.

Was bedeutet Freiheit für Sie?

Es braucht für mich zwei Haltungen für das Reisen: Disziplin und Empathie. Dann eröffnet sich die Welt auf eine ganz besondere Weise. Ich kann mich jeden Augenblick neu erfinden und erleben, wie die Welt ist.

Wenn ich alleine unterwegs bin, erlebe ich die Begegnungen, beantworte die Fragen selbst, erfahre die Berührungen und die Herausforderungen.

WAS BEDEUTET REISEN FÜR SIE UND
(WARUM) REISEN SIE GERNE ALLEIN?

Es braucht für mich zwei Haltungen für das Reisen: Disziplin und Empathie. Dann eröffnet sich die Welt auf eine ganz besondere Weise. Ich kann mich jeden Augenblick neu erfinden und erleben, wie die Welt ist.

Wenn ich alleine unterwegs bin, erlebe ich die Begegnungen, beantworte die Fragen selbst, erfahre die Berührungen und die Herausforderungen.

Wie viel Kraft kostet es Sie, aufzubrechen
und was sind die größten Herausforderungen?

Überhaupt keine. Ich freue mich auf jeden neuen Aufbruch.

Wenn wie im Iran aus politischen Gründen tagelang das Internet gekappt ist und ich keine Möglichkeit mehr habe, meine Angelegenheiten zu regeln, oder meine Familie zu informieren, wird es für mich emotional schwierig. Ich erlebe dann auch ganz persönlich diese Einschränkung meiner Freiheit, denen die Menschen in solchen Regimen ständig ausgesetzt sind.

Auf Reisen vermisse ich das saubere Wasser, das ich zu Hause aus dem Wasserhahn trinken kann sowie saubere Bettwäsche.

ABFAHREN BEDEUTET IMMER WIEDER ABSCHIED NEHMEN – WAS MACHT DAS MIT IHNEN? WAS SAGEN IHRE ANGEHÖRIGEN ZU IHRER REISELUST?

Das Gefühl „Abschied nehmen“ macht mich frei für neue Impressionen und meine Familie kennt mich ja nicht anders - sie freuen sich für mich.

Wann waren Sie in Ihrem Leben sehr mutig?

Ich glaube, es war mutig von mir, meine persönliche Freiheit gegen das Leben mit eigenen Kindern und das Familienleben einzutauschen.

Gibt es Vorbilder in Ihrem Leben?

Es gibt andere Reisende, die bereits vor mir in der Welt unterwegs waren. Deren Erfahrungen sind mir wichtig.

Was sagen Sie Menschen, die ebenfalls gerne aufbrechen möchten?

Wer aufbrechen will, sollte sich unbedingt auf den Weg machen!

IHR LEBENSMOTTO

Die Würde aller Lebewesen ist unantastbar!

Margot Flügel-Anhalt wurde 1953 in Tuttlingen/Baden-Württemberg geboren. Der Wunsch Sozialpädagogik zu studieren, trieb sie mit 18 Jahren von zu Hause weg nach Freiburg und Berlin.

Sie ist ausgebildete Sozial- und Theaterpädagogin und arbeitete bis Anfang 2018 im Eschweger Rathaus. Heute ist sie Ortsvorsteherin von Thurnhosbach.