DIGITALE WELT im Alter

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Leben heißt Veränderung. Es gibt Menschen, die überqueren mit 70 Jahren mit dem Motorrad den Hindukusch oder promovieren noch mit 90 Jahren. Wenn wir versuchen unsere Ziele zu erreichen, gibt es gelegentlich auch Krankheiten, Schicksalsschläge oder finanzielle Defizite... Müssen wir denn unsere Ziele so hochstecken, dass wir sie wahrscheinlich niemals erreichen können? Warum nicht einfach kleinere Schritte gehen, die uns zufrieden machen und das Leben erleichtern? Sich auf Ungewohntes einlassen und dabei auch Hilfen annehmen ist völlig normal. Sie möchten gern über ein Smartphone kommunizieren, kennen sich mit dieser Technik aber nicht aus? Sie möchten gern Fotos an Ihre Lieben verschicken und wissen nicht, wie man das macht? Sie möchten gern mobil das Internet nutzen, kommen aber nicht mit dem Apparat zurecht? Bitten Sie einen Angehörigen oder jemanden aus der Nachbarschaft um Hilfe. Nicht entmutigen lassen, denn es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wie oft mussten Sie Ihren Kindern das Schuhebinden zeigen, bis sie es verstanden hatten? Es ist nie zu spät mit etwas Neuem anzufangen!

Mut zur Veränderung

Zurzeit nutzen vor allem jüngere Menschen unter 50 Jahren das Internet privat und beruflich. Studien zeigen, dass die Bereitschaft der Ü65-Jährigen "Offliner" zur Vernetzung stark zunimmt. Sie erkennen, dass sie ohne digitale Teilhabe im Alltag oft nicht mehr zurechtkommen. Die digitalen Möglichkeiten bieten viele Vorteile, gerade bei eingeschränkter Mobilität und bei der Inanspruchnahme externer Hilfe im Alltag. Die Digitalisierung unseres Lebens lässt sich nicht mehr aufhalten und es ist wichtig, sich ihr zu stellen. Zumal sie gerade bei älteren Menschen dazu beitragen kann, dass sie länger selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben und viele Dinge des täglichen Lebens selbst erledigen können. Seien Sie also mutig und wagen Sie die ersten Schritte! Sie haben in Ihrem Leben doch schon ganz andere Herausforderungen bewältigt.

„Ich werde nie vergessen wie ich mich gefühlt habe, als ich das erste Foto mit meinem eigenen Smartphone an meinen Enkel geschickt habe!“ Unser Kunde Heinz R. zeigt auf sein Mobiltelefon, das auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt. Zuvor hatte er das Smartphone abgelehnt, weil er sich den technischen Umgang nicht zugetraut habe und außerdem auch keine Notwendigkeit dazu gesehen. Rückblickend sagt er uns: „So ein Gerät bringt viele Möglichkeiten mit sich." Mit Fragen an seinen Enkel und häufigem Scheitern und dem Bedürfnis, das Smartphone in den Mülleimer zu werfen, habe er sich aber mit viel Geduld durchgebissen.

DAS INTERNET VERSILBERN

Mit dem Verein "Wege aus der Einsamkeit e.V."

Dagmar Hirche, Unternehmerin und Gründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V."

Kann die Digitalisierung ein Weg aus der Einsamkeit sein? – Dagmar Hirche, Unternehmerin und Gründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ sagt „Ja“ und plädiert dafür, ältere Menschen unbedingt am digitalen Leben teilhaben zu lassen. Ihr Verein bietet kostenlose Schulungen für Menschen ab 65 an, bei denen gezeigt wird, wie man z. B. ein Smartphone oder ein Tablet für sich nutzen kann. Unseren Verein gibt es seit 13 Jahren und bei uns dreht sich alles um das Alter. Als wir gesehen haben, dass sich unsere Welt zunehmend digitalisiert, haben wir nicht gesagt, „da müsste man mal“, sondern wir haben gesagt „wir tun etwas“! Dass unser Projekt „Wir versilbern das Netz“ so erfolgreich wird, damit hätten wir nie gerechnet.

In einem Gespräch mit Vitakt Hausnotruf erzählt sie, worin sie die positiven Aspekte, aber auch die Herausforderungen auf dem Weg zur Digitalisierung der Generation 65+ sieht.

Ihre Mission ist die digitale Vernetzung älterer Menschen. Möchte die Generation 65+ das?

Unsere Erfahrung zeigt, dass 80 % der „Offliner 65+“ den Schritt zur eigenen Digitalisierung wagen möchten, weil sie erkennen, dass unsere Welt immer schneller und digitaler wird und sie es einfach müssen, ohne es unbedingt zu wollen. 20 Prozent sagen immer noch „das brauche ich nicht“ oder „das möchte ich nicht“.

Was sagen Sie älteren Menschen, die der Meinung sind, dass sie Online-Kompetenzen nicht bräuchten?

Ganz klar, dass sie sich selbst ins Abseits stellen. Die Digitalisierung in allen Lebensbereichen ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn man sich das wünscht. Lebenslanges Lernen ist heute absolut notwendig. Außerdem führen wir an, dass sie online im eigenen Zuhause an Kultur, Veranstaltungen und Bildung teilnehmen können, obwohl sie vielleicht nicht mehr mobil sind. Ein weiteres Argument ist die Unabhängigkeit: Digitalisierte ältere Menschen können viele Belange des täglichen Lebens selbst erledigen, ohne von anderen abhängig zu sein. Zudem können digitale Techniken für die Wohnung helfen, länger selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben. Dazu braucht es digitale Kompetenzen – egal in welchem Alter.

Wie machen Sie den Teilnehmer*innen Ihrer Kurse Mut? Wie motivieren Sie sie, trotzdem weiterzumachen?

  • Mit viel Spaß, Geduld, Langsamkeit, Wiederholungen so oft wie nötig und öfter!

Was sind Ihre Beweggründe, sich für diese Mission zu engagieren?

Unseren Verein gibt es seit 13 Jahren und bei uns dreht sich alles um das Alter. Als wir gesehen haben, dass sich unsere Welt zunehmend digitalisiert, haben wir nicht gesagt, „da müsste man mal“, sondern wir haben gesagt „wir tun etwas“! Dass unser Projekt „Wir versilbern das Netz“ so erfolgreich wird, damit hätten wir allerdings nie gerechnet.

Glauben Sie, dass die Digitalisierung zu einem „besseren Altern“ beitragen kann?

Ein klares JA! Wir dürfen die alten Menschen nicht darauf reduzieren, was sie nicht mehr können, sondern müssen zeigen, was sie noch können! Es sollte vielfältige Angebote von traditionell bis modern geben. Gleiches gilt für die digitale Welt. Auch das Thema „Wohnen im Alter“ braucht viele Facetten und Angebote, die vor allem bezahlbar sind. Gleiches gilt für die klassischen „Seniorenprodukte“: Niemand möchte reine „Altenprodukte“, sondern solche, die allen nutzen. Dann aber in einer Form, die modularisiert ist und auf welcher man vom Basisprodukt auf das „Normalprodukt“ umswitchen kann, wenn man es besser kennengelernt hat. Hier ist die Vorstellungskraft der Unternehmen gefragt!

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei einer flächendeckenden Teilhabe?

Überall kostenfreie Schulungen anzubieten, überall WLAN und ausreichende digitale Infrastruktur zur Verfügung zu stellen (vor allem im ländlichen Bereich), alle Akteure mit ins Boot zu holen, der schnelle Wandel der Hardware, die sich nicht selbst erklärt und die immer wieder geänderte Software, die nicht für ältere Geräte gedacht ist. Hinzu kommen digitale Angebote, die nicht für ältere Geräte nutzbar sind (z. B. die CORONA Warn-App). Zudem fehlt es leider oft an kostenfreien Bildungsangeboten und Orten in der Nachbarschaft, wo man schnell und unkompliziert Hilfen bei technischen Problemen und Antworten auf Fragen bekommt. Aber auch fehlende finanzielle Mittel sind ein großer Hindernisgrund.

Wie kann es generell gelingen, Senior*innen am digitalen Leben teilhaben zu lassen?

Grundvoraussetzung ist eine gut funktionierende digitale Ausstattung mit WLAN in jeder Wohneinheit! Ohne ein funktionierendes Netz ist digitale Teilhabe nicht möglich. Außerdem sollte es in jeder Nachbarschaft einen Ansprechpartner geben, der Antworten zu digitalen Herausforderungen geben kann. Jede Firma, Bank, Krankenkasse oder Behörde muss zugleich für digitale Bildung sorgen, wenn sie digitale Produkte oder Dienstleistungen anbietet. In den öffentlich-rechtlichen Programmen der Fernsehanstalten sollte es auch für Menschen 65+ digitale Bildungsangebote geben, analog zu den Angeboten für Kinder.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Mein Glas ist immer halb voll und nicht halb leer! Ich möchte immer Lösungen finden und Hürden aus dem Weg räumen. Mein Optimismus hat mir schon oft sehr geholfen.